Das Kellnerinnen Manifest

Nachdem ich gestern im Fernsehen zufällig einen interessanten Beitrag über Mythen rund um das Trinkgeld gesehen habe, dachte ich mir spontan, ich tu heute mal was Gutes und verbessere ein wenig die Welt.

Mit meinen 24 Jahren darf ich bereits auf 8 Jahre Kellnerinnenerfahrung zurückblicken. Das ist immerhin 1/3 meines Lebens und deshalb fühle ich mich dazu berechtigt und auch ein wenig dazu aufgerufen, hier mal zu sammeln, was mich persönlich und viele meiner Kolleginnen an Gästen stört.

Also: Wenn ihr bei eurem nächsten Bar- oder Restaurantbesuch eine gut gelaunte Kellnerin an eurem Tisch wollt (und glaubt mir: das lohnt sich immer!), dann lest euch einmal die folgenden Tipps durch:

  • Anrede: Bestimmt hat es ein jeder schon einmal in einem Restaurant gehört, das berüchtigte (und aus feministischer Sicht sicher maßlos unangebrachte) “Frääääuleeeein?!” Ich selbst hatte eigentlich nie etwas dagegen, da mir Gäste, die selbst die Initiative ergreifen und mich heranwinken grundsätzlich lieber sind, als welche, die vor sich hinstarren und sich dann beschweren, wenn ich ihnen die Wünsche nicht von den Augen ablese. Aber es geht auch besser: Beispielsweiße kann man die Kellnerin in lockerer Atmosphäre auch einfach mal unaufdringlich nach ihrem Namen fragen. Schafft Intimität und erleichtert die Kommunikation. Das ist allerdings nicht jedermanns Sache. Für diejenigen, denen das schon einen Schritt zu weit geht, empfehle ich ein neutrales: “‘Tschuldigung!? Können Sie mir bitte noch ein Glas Wasser bringen?”
  • Umgangston: Das hängt stark vom Etablissement ab. Ich arbeite parallel in einem Restaurant und in einer Bierkneipe. In ersterem wird gesiezt und in letzterem geduzt. Wenn die Kellnerin mit einem netten “Naaa, was kann ich dir bringen?” ankommt, bedeutet das meistens, dass man hier auch gerne mal ein wenig mit ihr scherzen darf. Im besten Fall kann dabei auch mal ein Schnaps rausspringen. Ich warne allerdings vor zu platten Witzen, die jede Bedienung schon zig mal hören musste. Hier die Favoriten:

(Gast legt Geldbeutel auf den Tisch) Kellnerin: “Sie wollen zahlen?” – “Wollen nicht, aber müssen schon, oder?”

 

“Die Rechnung macht 43,50 €.” – “Ja, wenn Sie das schon hätten!”

 

“Ohje, muss ich mal schauen, ob ich so viel Geld dabei habe. Sonst spül ich eben Geschirr.”

 

Franken-Spezial: “Hat es geschmeckt?” – “Nein… aber gut war’s.” (Erklärung für Nicht-Franken: “schmecken” heißt bei uns auch “schlecht riechen”)

 

  • Kritik: Grundsätzlich ist konstruktive (!) Kritik immer in Ordnung, aber man darf auch nie vergessen, dass die Kellner z. B. nichts für den Geschmack des Essens können. Daher: Nicht persönlich werden. Wenn Kritik geäußert wird, sollte diese tatsächlich immer konstruktiv sein. Kritik ist wichtig und nur so kann ein Restaurant sich verbessern, daher bitte begründen, was nicht in Ordnung war. (Aber Warnung: Es gibt einige Kellnerinnen, die damit wirklich nicht gut umgehen können. Das liegt in der Natur des Menschen und da sollte der Gast meiner Meinung nach dann ein wenig behutsam kritisieren.)
  • Online Bewertungen: Immer ein heikles Thema bei Gastronomen. Ich finde online Bewertungen in Ordnung, da ich mich persönlich ja auch daran orientiere. Das Internet ist einfach die optimale Plattform dafür, Meinungen auszutauschen. Ungern gesehen werden nur Spekulationen, á la “Der Kartoffelsalat war aus der Dose.” Mit Verlaub, aber da kann sich ein Gast nie so sicher sein…. ich spreche da leider aus Erfahrung.
  • Small Talk: Hier ist eine gute Menschenkenntnis seitens des Gastes gefragt. Wenn wenig los ist (und nur wenn wenig los ist), kann man durchaus mal versuchen, die nette Kellnerin in ein kurzes Gespräch zu verwickeln. Allerdings: Auch wenn wenig los ist steht meist irgendwo ein Chef mit Argusaugen, der denkt “Och… Meine Angestellte quatscht mal wieder nett statt Tische zu putzen.” Der Gast sollte sich bewusst sein, dass er die Kellnerin ab einem gewissen Zeitpunkt aufhält. Aber glaubt mir, wenn ihr drauf achtet merkt ihr die Anzeichen dafür, dass die Kellnerin eigentlich etwas zu tun hätte: Sie entfernt sich immer weiter von eurem Tisch, sie sieht sich nervös um, die Antworten werden immer kürzer… Klare Anzeichen, dass die Bedienung nicht länger aufgehalten werden will!
  • Bestellungen aufgeben: Ich weiß, dass das manchmal schwierig ist, aber es erleichtert der Kellnerin das Leben ungemein, wenn ihr Bestellungen nur dann aufgebt, wenn sie die Hände frei hat. Viele Gäste schreien mir zwischendurch mal “Ich hätte gerne noch eine Cola” zu, wenn ich gerade beide Hände voll habe. Das bedeutet, dass ich es nicht aufschreiben kann und mir merken muss. Bei einer Bestellung, nicht schwierig… Allerdings kann es auch sein, dass ich gerade vom anderen Ende der Kneipe komme und mir schon 6 solche Bestellungen nebenbei zugerufen worden sind. Bitte nicht böse sein, wenn man dann mal etwas vergisst, ja?
  • Zu guter Letzt: Das Trinkgeld! Man spricht immer von 10 %. Meiner Erfahrung nach ist das utopisch und auch ein wenig zu viel. Mein durchschnittliches Trinkgeld (in Restaurant und Kneipe) bewegt sich zwischen 5 und 7 %. Oft ist es so, dass die Wirte ja wissen, dass die Kellnerinnen Trinkgeld bekommen und den Stundenlohn deshalb eher niedrig ansetzen. Trinkgeld ist tatsächlich wichtig für uns, aber auch nicht alles. Ich bediene lieber einen netten Gast und bekomme unterdurchschnittliches Trinkgeld, als einen schnöseligen Gast mit schlechten Witzen, der mir einen Zehner in die Hand drückt. Dennoch ist es eine nette Geste: nicht zwingend notwendig, aber eben nett. Natürlich kommt es aber auch auf die Situation an: Seid ihr die letzten Gäste in der Kneipe und verzögert den Feierabend der Kellnerin, gebt ihr ein bisschen mehr Trinkgeld! Habt ihr viele Sonderwünsche und die Bedienung reagiert darauf nett und souverän, gebt ihr ein bisschen mehr Trinkgeld! Wart ihr nur kurz da und hattet nur ein Getränk und ein Essen, dann darf es auch mal weniger sein. Doch gerade, wenn ihr öfter in dem Lokal seid, ist es schon so, dass es Vorteile hat, gutes Trinkgeld zu geben. Wir Kellnerinnen sind eben auch nur material girls!

Ach ja, ich habe übrigens noch nie in das Essen eines Gastes gespuckt… Aber bei den netten Gästen wird man sich immer etwas mehr Mühe geben und sei es nur, das Bier bis etwas über den Eichstrich einzuschenken. In dem Sinne: Prost und viel Spaß beim nächsten Kneipenbesuch!

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