Songs für William – Leider Geil!

Als ich gerade meine Wohnung mal wieder einer längst überfälligen Schönheitskur unterzogen habe, habe ich zum ersten Mal so richtig bewusst das Kraftklub-Album “Mit K” gehört. Wie ihr ja bereits wisst, höre ich oft mal Shakespeares Stimme in moderner Musik durchschimmern… und so auch bei Kraftklub. Diesmal war es keine bestimmte Zeile, die bei mir eine Assoziation mit Shakespeare hervorgerufen hat, sondern eher der Aufbau des Songs “Kein Liebeslied”.

“Es ist nicht das, wonach es aussieht…” (Kraftklub)

In “Kein Liebeslied” singen Kraftklub davon, gegen sämtliche Konventionen zu verstoßen und eben kein Liebeslied zu schreiben. Genau diese Strategie verwendet Shakespeare oft in seinen Sonetten. Für einen Leser, der mit Petrarchischen Sonetten vertraut war und die gängigen Konventionen der Liebeslyrik zur damaligen Zeit kannte, war der Beginn von Shakespeares Sonett 18 sicher geradezu radikal:

“Shall I compare thee to a summer’s day?

Thou art more lovely and more temperate.” (Shakespeare)

Man beginnt ein Liebesgedicht doch nicht mit einer Frage!? Und der Vergleich wird vom Autor als unzureichend beschrieben, da Worte eben nicht ausreichen, um die Geliebte zu beschreiben. So etwas tat man damals nicht!

“Dass ich dich mag heißt nur, dass ich nicht weiß, wie man das sagt.

Ich bin nicht besonders gut in sowas. Ich kann das nicht. (…)

Denn dieses Lied ist nicht gut genug und die Geigen klingen schief.

Dieses Lied ist gar kein Liebeslied.

(…)

Viel zu viele Adjektive und miese Vergleiche.” (Kraftklub)

Und wenn Kraftklub singen “Morrissey hat schon alles gesagt, was ich sagen will”, ist es doch fast so, als würde Shakespeare sich darüber beschweren, dass ein großer Vorgänger Petrarch eben auch schon alles gesagt hat (Harold Bloom nennt diese Angst vor dem schöpferischen Vorgänger The Anxiety of Influence). Was tut man also? Man schreibt kein Liebeslied… oder in Shakespeares Fall eben kein gängiges Liebessonett, wie zum Beispiel dieses hier:

“My mistress’ eyes are nothing like the sun;

Coral is far more red than her lips’ red;

If snow be white, why then her breasts are dun;

If hairs be wires, black wires grow on her head;

I have seen roses damasked, red and white,

But no such roses see I in her cheeks;

And in some perfume is there more delight

Than in the breath that from my mistress reeks.

I love to hear her speak, yet well I know

That music hath a far more pleasing sound;

I grant I never saw a goddess go;

My mistress when she walks treads on the ground.

And yet, by heaven, I think my love as rare

As any she belied with false compare.” (Sonett 130)

Dass ich mittlerweile ordentlich einen an der Klatsche habe, erkennt man daran, dass meine heutige musikalische Epiphanie damit noch nicht beendet war. Nach Kraftklub schaltete ich auf Deichkind:

“Tu doch nicht so. Du magst es doch auch.

Ich bin ein Teil von dir.” (Deichkind, Leider Geil)

Das ist doch haargenau das, was Shakespeares Prospero meint, wenn er zu seinem Sklaven Caliban (den die psychoanalytische Shakespeareforschung als Prosperos Id, also die Verkörperung seiner Gelüste und Triebe identifiziert hat) sagt:

“This thing of darkness, I acknowledge mine.” (Shakespeare, The Tempest)

Ihr könnt mich jetzt für durchgeknallt haben, aber so geht es mir wirklich. Überall in meinem Leben ist mittlerweile Shakespeare. Doch mich stört das gar nicht so sehr. Irgendwie ist das auch leider geil.

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