Die Poesie des Rap

Rap und Hip Hop sind mittlerweile bei weitem keine subkulturellen Erscheinungen mehr, sondern haben es sogar auf den Lehrplan der Unis geschafft. Letztes Semester habe ich ein Seminar mit dem Titel “Raptexte” besucht, bei dem die altbewährten Methoden der Lyrikanalyse einfach auf Raptexte angewandt wurden. Leider ist dieses Experiment eher schief gegangen, da dabei die kulturellen Rahmenbedingungen vernachlässigt wurden.

Für mich ist Rap immer in einen kulturellen Kontext eingebettet, egal ob dieser aus einer Subkultur entstanden ist oder den Mainstream widerspiegelt.

Bei Gedichten legt man stets wert darauf, zu beachten, dass das “Lyrische Ich” nicht mit dem Autor gleichzusetzen ist. Wenn Shakespeare also an seinen schönen Jüngling schreibt: “Shall I compare thee to a summer’s day?” dann bedeutet dies nicht gleich, dass der Sprecher Shakespeare selbst ist. Genau hier ist der Knackpunkt. Auch wenn manche Rapper ihre Texte nicht selbst schreiben, stehen sie doch hinter ihnen. Rapper zeichnen sich durch “Realness” aus und “keeping it real” ist das höchste Mantra. Rap ist immer ein performativer Akt, in welchem der Rapper sich mit seinem Text identifiziert. Wenn Jay-Z also rappt, “Got a broken clock, Rolex that don’t tick tock, Audemars that’s losing time, hidden behind all these big rocks” dann spricht er tatsächlich über seine eigene Uhrensammlung und Bling Bling.

Ein zweiter Aspekt, der den Unterschied zwischen Gedichten und Raplyrics aufdeckt, ist natürlich der Beat, der Pulsschlag jedes Raps. Und dieser ist durch die klassische Textanalyse nicht erkennbar und verhindert so auch, dass man die verschiedenen Einflüsse erkennt, die hinter jedem Rap stehen. In The Anthology of Rap schreibt Chuck D:

“Having a range of lyrical influences and interests doesn’t compromise an MC’s art. It helps that art to thrive and come into its own. For instance, my lyrics on “Rebel without a Pause” are uniquely mine, but even the first “Yes” I utter to begin the song was inspired by another record – it this case, Biz Markie’s “Nobody Beats the Biz”, a favorite of mine at the time. The overall rhyme style I deployed on “Rebel” was a deliberate mixture of how KRS-One was breaking his rhymes into phrases and of Rakim’s flow on “I Know You Got Soul”.” (790)

Es gibt auch eine Vielzahl an Rhymes, die beim bloßen Lesen einfach nur schwachsinnig wirken und erst als Song zu einem harmonischen Ganzen werden. So denke ich, dass niemand Wordsworths “I wandered lonely as a cloud that floate up high o’er vales and hills” mit der folgenden Songzeile vergleichen würde:

“To the hip-hop, the hibbie to the hibbie

The hip-hip-a-hop-a, you don’t stop rockin

To the bang-bang boogie, say up jump the boogie

To the rhythm of the boogedy-beat.”

Doch genau dieser Song – Rapper’s Delight von der Sugarhill Gang – gilt als Meilenstein der Rapgeschichte. Und selbst Nicht-Rapper kennen die Songzeile eventuell durch ihre Verunglimpfung von Las Ketchup im Ketchup Song.

Zu guter Letzt habe ich noch ein paar Rapzeilen, die ich momentan entweder beachtenswert schön und – ja – auch poetisch nennen würde… und ein paar, die ich auch beachtenswert finde, jedoch eher auf die humorvolle Art.

Diese Medikamente bringen ’nen Scheiß 
Bin immer noch da, wenigstens alles taub gemacht 
Aufgewacht, schon wieder sie 
Wieder tun, als hätte mir das was ausgemacht 
Herr Doktor, was muss ich noch sagen im Laden, damit ich endlich das gute Zeug bekomm’? 
Kein Witz, nur noch den ein’ Trip, um Cas endlich zu töten und Benjamin gleich mit 
Will los in das scheiß Licht 
Wofür zahl ich die Leihgebühr? 
Würd’s selber tun, doch bin da zu feige für 
Keine Tür, nur vergittertes Glas, 
der Traum wird besser verkauft, als es ist 
Was Ruhm und Fame? 
Zugegeben, kann Ian Curtis mittlerweile gut verstehen 
Versuch das Leben rosig zu sehen 
aber Depression scheint niemals aus der Mode zu gehen 
Schatz, lass mal 
diese Wunden waren immer dort 
Zum Verdecken nützt kein Pflaster der Welt, denn 
dieses Blut war schon immer dort 
Und was uns angeht, gab es nie den Mond, nur die Sonne vorm untergehen 
Große Lieder schreiben wollt ich immer, nur passte nie der Klang meiner Stimme 
Dir große Lieder schreiben wollt ich immer, nur passte dir nie der Klang meiner Stimme 
SCHATZ!” (Casper, Kontrolle/Schlaf)

“On repeat, the CD of Big’s “Me and My Bitch”
Watchin Bonnie and Clyde, pretendin to be that shit
Empty gun in your hand sayin, “Let me see that clip” (Jay-Z, Song Cry)

“Ey er macht auf Drogendealer mit Großkaliber 
ich zieh ihn aus dem Opel Tigra und breche ihn auf Kokainer 
sein Oberkiefer, denn er ist nicht mal beim Pokern Dealer. 
Und dieser Typ er macht einen auf Straße 
doch ich nehme dich durch wie Geteiltaufgaben. 
Was denkt er was man in Kneipen wird? 
außer vielleicht Kneipenwirt? 
Er ist ein softer Rapper, ich bin Knochenbrecher 
Er ist Fotzenlecker und findet Fotzen lecker 
Sein Geld – Er spielt auf der Straße den Räuber 
doch es kommt vom Staat/Start wie Marathonläufer 
Tausend Mal hab ich vor dem Richter gestanden 
Er auch, doch er hat vor dem Richter gestanden 
Und auch wenn ich bis gestern im Knast war 
ein Penner mit Raster dein Ex ist ein Bastard.” (Manuellsen, Dein Ex)

“Schatz ich bin der Bruce Willis 
du fragst mich ob ich heute Abend Sex will, ja dein Bruce will es 

(…)

deine unglaublich geilen Augen sind so sagenhaft 
weißt du noch als ich dein Exfreund geschlagen hab 

(…)

dein Gesicht ist bombastisch und glänzt 
ich hab dir die Louis Vuitton Tasche geschenkt” (Bushido, Ich Regel Das)

Und hier noch der ungekrönte König der kreativen Metaphern und Binnenreime, Kollegah!

“Porschereifen qualmen wie indianische Morsezeichen”

“Du bist happy als hättest du heavy Petting mit Halle Berry”

“Und du denkst, ich hab den Porsche geliehen. Doch da liegst du schief wie die Zähne von Franck Ribéry.” 

“Und sämtliche Damen sehn wie ängstliche Hasen auf den Dick von medizinisch fast bedenklichen Maßen.” (Alles aus Jetlag)

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