Fußball – Eine Romanze

Ich muss zugeben, dass ich noch nicht sehr lange Fußballfan bin (wenn man das überhaupt so nennen kann). Meistens schaue ich Fußballspiele im Pub, tratsche ein wenig mit dem Barkeeper, nippe an meinem Whisky und schließe Wetten ab, bei denen ich grundsätzlich verliere.

Gestern habe ich allerdings mal wieder eine “kulturwissenschaftliche Exkursion” ins Nürnberger Stadion unternommen. Es war nicht meine erste und schon oft musste ich feststellen, dass mich dabei auch weniger das Spiel an sich interessiert, als viel mehr das Verhalten der Fans.

Ein Fußballstadion ist eine Arena der Zusammengehörigkeit.

Das Stadion scheint eine eigene kleine Welt zu sein, in der man seine alltägliche Identität an der Pforte abgibt und sich plötzlich nur noch als Fan und über seine Mannschaft definiert. Alter, Vermögen, sozialer Stand… all dies scheint im Stadion keinen Wert mehr anzunehmen und der Alltag wird für 90 Minuten ausgeblendet. Menschen, die im normalen Leben vielleicht Bankangestellte sind, reißen sich die T-Shirts vom Leib, springen auf Podeste und stimmen lauthals Fangesänge an. Im Falle eines Tores umarmen sich wildfremde Menschen und zelebrieren ihren gemeinsamen Erfolg mit dem Singen von Liedern, die jeder im Stadion auswendig kennt.

Die Legende lebt…

Hier ein paar Beispiele für diese Fangesänge:

Auf gehts vorwärts FCN
Kämpf für uns und für den Sieg
Unsre Lieder hörst du immer wieder, ganz egal wo du auch heute spielst
Unsre Lieder hörst du immer wieder, ganz egal wo du auch heute spielst

Die Mannschaft ist hierbei nicht nur Repräsentant der Fans, sondern wird in einen militärischen Kontext situiert, indem es scheinbar um Leben und Tod geht. Dabei spielen Ort und Zeit keine Rolle mehr: egal welches Stadion, egal welcher Spieltag, die Fans stehen hinter ihrer Mannschaft.

Mir scheint als könne man diese Auflösung von Ort und Zeit in vielen Fansongs wieder finden:

FCN!
Eine Liebe, die ein Leben hält,
bist das Beste auf der ganzen Welt,
kommt wir singen’s nochmal!
Lalala
ohohohoh…
Lalalala
ohohohoh…

Fußball wird hier zum Ritual, welches weder Anfang noch Ende hat. Fußball wird zum Mythos, der unsterblich und immerwährend ist. Dabei wird Fußball auch immer wieder mit zentralen menschlichen Werten in Verbindung gebracht:

FCN
Liebe, Glaube, Leidenschaft
Unser ganzes Leben haben wir dir schon vermacht
FCN

In der Literatur- und Kulturwissenschaft gibt es die Annahme, dass das menschliche Dasein sich in Form einer Romanzenstruktur bewegt. Die Romanze ist hierbei schon immer im menschlichen Dasein verwurzelt. Die Romanze ist ahistorisch und frei von räumlichen und zeitlichen Bedingungen. Die Romanze ist eine zyklische Bewegung, die in natürlichem Zusammenhang mit dem Wechsel der Jahreszeiten, dem Wechsel von Tag und Nacht, sowie Ebbe und Flut steht. Der Mensch richtet sich nach dieser natürlichen zyklischen Bewegung und vertraut darauf.

Meiner Meinung nach ist Fußball genau das: eine Romanze. Der Fan vertraut darauf, dass Fußball und seine gewählte Mannschaft schon immer Teil seines Lebens waren und es immer sein werden. Er vertraut darauf, dass Fußball einen natürlichen Rhythmus hat, bei welchem auf jede Niederlage auch irgendwann wieder ein Sieg folgt. Fußball ist etwas zeitloses, etwas mythisches. Etwas, das mit den essentiellsten menschlichen Gefühlen und Werten wie Liebe, Glaube, und Leidenschaft in Verbindung gebracht wird und vermutlich ist Fußball genau deshalb so faszinierend und anziehend.

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3 thoughts on “Fußball – Eine Romanze

  1. Ich bin auch immer ganz fasziniert von den Leuten um mich herum, wenn ich im Stadion bin. Du hast es perfekt auf den Punkt gebracht!
    Übrigens meine Empfehlung für Fortgeschrittene: Mal als offensichtlicher Fan der anderen Mannschaft ins Stadion gehen. Das ist noch einmal eine ganz andere Art von Experience! War am Wochenende als Kaiserslautern-Fan in Hannover und das war schon spannend, sich mal komplett als Außenseiter zu fühlen. Und auch zu beobachten, wie man sich unter den wenigen Rote-Teufel-Fans gegenseitig lächend zunickte, und wie die Hannoveraner auf einen reagierten. Und als dann noch von uns das erste Tor kam.. Huihuihui!
    Für noch Fortgeschrittenere: Schauen, was passiert, wenn man als offensichtlicher Fan des Erzrivalen ins Stadion geht..

    • Das stimmt. Ich werde das mal testen und mir von meinem Opa ein Bayern-Trikot leihen… Ich sollte nur meiner restlichen Familie nichts von dem Plan erzählen, weil ich sonst enterbt werde.

      Ich hab mir auch schon mal Gedanken darüber gemacht, wie es wäre, das eigene Kind in Montur des Gegenvereins ins Stadion zu schicken. Das ist die perfekte Abhärtung für das restliche Leben. So ungefähr wie in Johnny Cashs “A Boy Named Sue”.

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